02.08.13
Gößnitz Open Air
von Meisenmann
Gössnitz, 02.08.2013

Und endlich auch mal aufm Gössnitz Open Air. Als Gäste waren wir schon öfter hier, der Veranstalter hat uns auch schon anderswo gebucht, aber hierselbst ist es das erste Mal. Ein sehr schönes und beständiges Open Air (Nr. 21 dieses Jahr), Größenordnung 2000 Leute und schönes Gelände. Die absolute Besonderheit hier: Zeltplatz und Festplatz sind eins. Will heißen – man zeltet vor der Bühne. Man kann also vom Zelt aus im Campingstuhl entscheiden, ob man die drei Schritte nach vorn gehen will, oder lieber von zu Hause aus zuhören und weiter abfläzen. Je nach Band oder Bierqualität kann man abwägen. Weiterhin gibt es neben der großen Hauptbühne ein Festzelt mit großer Bar, Sitzgarnituren und noch ner kleinen Bühne. Auf dieser läuft Programm für die Umbaupausen auf der großen Bühne. Auf ersterer darf ich dieses Jahr Freitag 18 Uhr stehen mit Nemo, auf der Zeltbühne zweimal Freitag in der Nacht mit Crayfish. Für mich persönlich sind es sozusagen zweieinhalb Auftritte. Da lohnt sich wenigstens die Anfahrt.

Pikanterweise findet Gössnitz immer zeitgleich mit dem Wacken statt. Pikanterweise hat unser neuer Superdrummer Robin seit langer Zeit irgendwo Karten für das Wacken 2013 ergattert. Dämlicherweise haben wir dadurch ein Problem. Glücklicherweise erklärt sich der Frisör ohne Umschweife bereit, uns bei dieser einen Mugge nochmal auszuhelfen. Eine Mugge lang geht das mal mit den gesundheitlich belasteten Ohren. Für Robin wäre es ein großes Opfer gewesen, seiner ganzen Truppe abzusagen, seine Karte zu verkloppen und statt zu dem Wacken auf das Gössnitz Open Air zu fahren. Nachvollziehbar, sicherlich, wenn man einiges an schauspielerischer Qualität aufbringt. Man muss manchmal auch gegenüber völlig unverständlicher Meinungen Verständnis heischen und so tun als wäre alles in Ordnung. Soll doch Robin ruhig zu seinem Wacken fahren, das akzeptieren wir doch mit Freuden. Wir sind doch geradezu berühmt für unsere Akzeptanzassimilität. Und es wäre ja sicher auch für das Wacken schwierig geworden. Ich habe keine Vorstellung davon, was ein Wacken ist. Aber ich kann mir vorstellen, daß das Wacken schwer ohne Robin auskommen würde. Wenn ich schon beobachte, wie schwierig es für uns ohne Robin ist. Aber für uns war es eine große Freude, endlich mal in Gössnitz spielen zu können. Nun ist irgendwie allen geholfen.

Wir setzen noch zwei Proben vorab mit dem Frisör an, und siehe – er kann den ganzen Kram noch tiptop trommeln, obwohl es fast ein Jahr her ist, dass er die Stöcke zuletzt in der Hand hatte. Die zweite der zwei Proben vergisst er dann auch gleich mal, und wir Übrigen sitzen wartend im Proberaum, trinken Bier und fahren unverichteterdinge wieder heim. Das arme Bier. Naja. Nicht ganz so schlimm, solange die Mugge klappt.

Freitags-Mugge ist wiedermal saublöd, erstens weil ich bis 18 Uhr arbeiten muss, zweitens weil wir den Transporter von meiner Firma für den Transport nutzen. Und der Transporter muss auch erst Feierabend haben. Für beide, Transporter und mich, wurde vorgezogener Feierabend beantragt. Es wird bissel eng, wir bekommen den Transporter 16:30 Uhr, also halb fünf, oder halb vor fünf wie man ja jetzt auf hochdeutsch sagen muss. Also 15 minuten nach dreiviertel vor fünf. Ne halbe Stunde später als geplant. Aber NEMO- und Crayfish-Leute zusammen schmeißen schnell alles aufs Auto, und endlich ab in Richtung Gössnitz, in Richtung das richtige Leben, die Realität hinter uns lassend. Es ist schließlich Sommer.

Man fühlt sich schon sehr wichtig, mit diesem besonderen Bändchen am Arm. Wenn man nach der Einfahrt ins Festgelände nicht wie alle anderen aufm Zeltplatz nach ner Lücke suchen muss. Sondern mit stolzgeschwellter Brust erstmals in den Bereich hinter der Bühne einfahren darf. Wo Finntroll parken und so, ihr wisst schon. Und an der Bühne parken. Ich bin ein wenig aufgeregt deswegen. Die Zufahrt gabelt sich schwach auf in links Bühne, rechts Backstage, dazwischen eine hohe Bordsteinkante, kunstvoll von langhaarigem Altgras getarnt. Diese runkele ich ausführlich mit dem Transporter ab und fürchte, alle nicht angeschweißten Teile von Ölwanne bis Radio verloren zu haben. Nach angsterfüllter Inspektion der Unterseite scheint mir dort nichts zu fehlen, jedenfalls ist da kein Loch oder Platzhalter. Wohl nochmal Glück gehabt bzw. mehr altes robustes Auto als Verstand.

Sehr schön die Bühne. Sehr komfortabel und professionell dort alles. Schöne Rampe, schöne Treppe, Beizelt für Backline-Aufbau und schnellen Umtausch inkl. Rollpodesten für die Drums, super. Betrifft uns mit Nemo nicht ganz so, weil wir die Allerersten sind, wir müssen also nicht die Schnell-Umbau-Technologie nutzen. Mir fällt grad auf – ich schreib hier lauter Sachen auf, die gar nicht um Crayfish gehen, obwohl wir hier in einem Crayfish-Tagebuch sind. Tja, liebes Tagebuch. Geht mir grad so von der Hand, mein Wochenende war halt so. Überspringt das einfach wenns euch nicht interessiert. Außerdem überschneidet sich das alles, weil sich Nemo dauernd Zeug von Crayfish ausborgen. Sogar Leute.

Nemo bauen in der Nachmittags-Gluthitze alles auf. Ein Nemo-Musiker (ich sag nicht welcher) beschwert sich noch bei mir, daß er vorn volle Kanne inner Sonne steht. Ich sag ihm, bis wir dran sind mit spielen ist da Schatten. Er sagt, na das kommt drauf an, wie rum die Sonne hier geht. Ich kucke mit einem Gesicht zurück, welches aus Fragezeichen besteht. Er sagt, na weißt Du etwa wierum die Sonne hier geht? Ich sag, naja von Ost nach West wie überall? Er sagt wieso wie überall? Ich sag naja in diesen Breitengraden unterscheidet sich das nicht zwischen den einzelnen Ortschaften. Noch nicht bemerkt? Er sagt ich hab doch von sowas keine Ahnung, ich spiel nur Bass.

Und die Bassisten-Witze sind alle wahr…
(Jetzt hör aber andlich mal auf nur von Nemo zu berichten! - Anm. vom F)

Im Backstagebereich ist ein bumforzionöses Buffet aufgebaut, mit kaltem und warmem Essen, reichlich Obst und Gemüse plus eine Schankanlage zum Selberzapfen. Letzteres grenzt schon an die Qualitäten des Bittstädt-Backstagebereiches. Es ist zumindest für mich alles nur in Hetze zu genießen, weil ich ja auf die Bühne muss. Man rennt also mit einem Tablett voller frisch gezapfter Biere für den Drummer, den Bassisten und den Keyboarder zurück zur Bühne, vorbei an den Letzte Instanz Leuten, die ganz sympatisch wirken, an den Nightlinern und tausenden nackter Groupies, bis zur kleinen Blechrampe hinauf auf die Bühne. Und dann eröffnet man das Gössnitz Open Air mit den vielleicht üblichen Soundproblemen am Anfang und entsprechender Unsicherheit mit nur geringfügiger Verbesserung bis zum Schluss. Die vielen akustischen Instrumente, die bei Nemo im Spiel sind, kommen mit der krassen Sonneneinstrahlung überhaupt nicht klar, und die Musiker kommen nicht nach mit Stimmen. Und die Musiker kommen mit der krassen Sonneneinstrahlung überhaupt nicht klar und kommen nicht nach mit der Flüssigkeits-Nachfuhr. Naja was solls. Nemo hats Spaß gemacht, und zumindest kann hinterher keiner behaupten, bei Nemo käme irgendwas vom Band. Es gibt keine Bänder mit so viel Verstimmung drin. Aber sogar vorne erkennen manche die Musik und beginnen abzufeiern. Meistens sind Nemo-Musiker auch etwas zu streng mit sich selber.

Nach verschwitztem Ende der Show fängt für mich der Umbau, und für die anderen Crayfishe der Aufbau an. (Aaah, jetzt! Endlich! - Anm. vom F) Krempel runter von der Hauptbühne und rauf aufn Transporter. Dann 300 m Umparken zur Zeltbühne und vor allem einen Platz für das Auto suchen, wo es für den Rest des Wochenendes unbehelligt - und möglichst wenig angepinkelt - stehen bleiben kann. Wir wollen nämlich hierbleiben bis zum Schluss.

Wir sind heute das einzige Programm im Festzelt und können daher ganz entspannt und völlig ohne Zeitdruck alles aufbaun, während auf der Hauptbühne ein Programm dem anderen die Hand gibt. Wir sind dann fast fertig für den Soundcheck. Auf der Hauptbühne zocken gerade Letzte Instanz, und Steffen schließt seinen Verstärkerkram an. Als er den Empfänger für seinen Gitarrensender einschaltet, brüllt plötzlich eine Gitarre aus seiner Box und spielt fette Riffs. Steffen spielt aber nichts. Fragende Gesichter, Gelächter. Die Riffs passen genau zu dem, was gerade auf der Hauptbühne läuft. Offensichtlich hat ein Gitarrist von Letzte Instanz die gleiche Sender-Empfänger-Kombination wie Steffen im Einsatz, und auch extra noch genau den gleichen Kanal eingestellt. Wir sind extrem in Versuchung, Schabernack zu treiben. Wenn Steffen jetzt anfangen würde, das Highway To Hell-Riff zu spielen, würde man das in voller Lautstärke und im gleichen Sound volle Kanne von der Hauptbühne hören, und der arme Gitarrist dort würde denken, er ist bekloppt im Kopp. Weil aus seiner Box was rauskommt, was er gar nicht spielt. Man könnte sogar ein Mikrofon an Steffens Sender anschließen und irgendwas Lustiges durchsagen bei Letzte Instanz. Zum Beispiel „Huch, wo bin ich denn jetzt rausgekommen?“ oder „Der Sonderzug nach Pankow hat voraussichtlich 21 Minuten Verspätung.“ Das würde man dann in voller Lautstärke vorne raus über die Anlage hören und NIEMAND käme gleich drauf, wo das herkommt. Aber wir machen nichts von dem und benehmen uns. Falls die Letzte Instanz-Leute das hier lesen, können sie uns ja mal ein Bier ausgeben.

Irgendwann sind wir dann wirklich selber dran, und es liegt an uns, die Leute von der Hauptbühne weg ins stickig-schwüle Zelt zu ziehen. Aber sie kommen! Bei zwei Runden, die noch von einem Hauptbühne-Konzert dazwischen gespalten werden, ist es aus Musikersicht genauso, als ob man zwei einzelne Konzerte spielt. Denn man muss zweimal von vorn anfangen, Publikum gewinnen, einen Spannungsbogen entwickeln in der Setlist, die frisch angekommenen überzeugen, und irgendwann sowas wie eine gemeinsame Party erschaffen. Das zweimal von Null an, und das zweimal mit nur einer Dreiviertelstunde Spielzeit. Trotzdem darf man nicht zweimal dieselben Witze reißen, weil manche auch zweimal vorbeikommen. Die Bandkollegen sind eh inzwischen meiner drei Witze müde geworden, in unserer zwölfjährigen Laufbahn.

Glücklicherweise hat die Original-Band, auf die wir uns bei unserer schnöden musikalischen Klau-Arbeit konzentrieren, für uns und für solche Zwecke hervorragende Vorarbeit geleistet und ausschließlich schmissige Rocker komponiert, die in der Lage sind, Tote aufzuwecken oder sogar müde Menschen an alten Tresen wieder etwas aufzumuntern.

Es klappt, und es klappt zweimal. Party im Zelt. Eigentlich hatten wir uns ne kleine Hausaufgabe mitgenommen. Wir schmeißen ja immer Dollarscheine unter die Leute mit unseren Passbildern drauf. Und der Firsör spielt ja nich mehr mit bei uns. Und das Aufspiel in Gössnitz war eine einzige letzte Mit-Dem-Frisör-Mugge. Also bot es sich an, da vorrangig Friseurdollar zu schmeißen, weil sie ja heute berechtigt sind, und damitse mal alle wern. Aber das sind noch SOOO viele, ich hab SOOO viele geschmissen, daß das Zelt sogar am Sonntag noch (schäm) mit den Dingern übersät war, und se sin NOCH nich alle. An der Bar wolltense die nich nehm. Sonst wärnse alle. Und die Bar. Selbst bei der letzten Sonntags-Band war es vor der Zeltbühne noch ein Tanz auf dem Dollarteppich. Unsere aufrichtige Entschuldigung an die Aufräum-Brigade oder an den Bauern, der hier anschließend wieder säen will.

Mugge aus. Es heißt abbauen und verstauen, Abschied nehmen von den Bandmitgliefern, die zu alt sind für ein Festival und heim ins Bett müssen, und der F und ich gehen nahtlos über in den Feier-Modus. Was wohl Robin gerade mit seinem Wacken macht? Jetzt sind wir einfach nur noch Festival-Besucher, können abhaun wenn uns so sein sollte, müssen keinen Finger krumm machen, nur so weit, daß der Bierbecher nicht runterfällt, und – aber sagt’s keinem – nochmal in den Backstage-Bereich schlüpfen und ordentlich abschmausen. Was die großen Headliner so übriggelassen haben. An Hühnerknochen, Rosenkohl und Groupies.

Gute Nacht aus dem viel zu warmen Zelt!