28.07.13
Ilmenau
von Meisenmann
14:30 Uhr soll Abfahrt sein, also treffen wir uns 14 Uhr. Robin hat wegen des Doppelauftritts gleich beim F hausiert, aufm Sofa campiert, und der F küsst den Langschläfer nach meiner Erinnerungs-SMS wach. Eigentlich hatte ich mit Robin vereinbart, daß wir diese einzigartige Konstellation für einen Feldversuch benutzen. Wenn man beim F klingelt, dauert es etwa 8 bis 10 Minuten, bis sich was tut unten an der Tür. Der F begründet das immer damit, daß er erst noch Schuhe anziehen muss. Die Anwesenheit von Robin in der Wohnung in diesem Moment hat eigentlich die für die Wissenschaft einmalige Gelegenheit ergeben, erstmals unter menschlicher Beobachtung dieses bisher rätselhafte Ritual zu ergründen und in seiner Gänze dem Verborgenen zu entlocken. Wie kann man 10 Minuten lang zwei Schuhe anziehen. Aber Robin vergisst aufzupassen. Grmblfx.

Steffen meldet sich beim F per SMS mit der Information, daß Jochen und er später kämen, weil Jochen erst jetzt aufgestanden ist, noch in Ruhe frühstücken will, und dann nochmal ins Bad. Nun weiß ich nicht, ob damit das in der Wohnung, oder draußen das gemeint war. Jedenfalls kommen die Herren Gitarristen 14:45 Uhr an, just in dem Moment, wo wir den Transporter verschließen wollen, den wir soeben zu dritt fertig beladen haben. Es ist unglaublich schwül, wir müssen heute die komplette Anlage mit PA mitnehmen, und wir sind seit der ersten Box, die wir aufgeladen haben, komplett durchgeschwitzt. Die Herren Schöne sind dafür frisch.

Mit entsprechender Verspätung starten wir. Der Transporter hat ganz schön zu kämpfen, die Berge hoch. Entweder wird er alt, oder Robin ist schwerer als der Frisör. Kurz vor Erfurt sehe ich im Rückspiegel, wie aus den vom Fahrtwind gequälten Planen der Ladefläche ein Zipfel des Backdrops hervorzüngelt. Nach und nach entfaltet er mehr Enthusiasmus und schlängelt sich immer weiter raus. Man stelle sich vor, daß ein nach uns kommendes Fahrzeug plötzlich – klatsch – keine Landschaft mehr, sondern nur einen großen Crayfish-Schriftzug auf der Windschutzscheibe sieht. Wir müssen anhalten und das Banner zurückdrängen an seinen Platz. Der Transporter riecht komisch und qualmt. Nicht innen. Vorn am Motor. Angst.

In Ilmenau ist alles wie immer. Schöne Bühne steht, Veranstalter und Mitarbeiter freun sich und sind lieb zu uns, die Sonne brennt. Wir baun schnell alles auf in der sengenden Nachmittagssonne. Dabei wird uns bewusst, daß wir die Bühnen-Licht-Situation vernachlässigt haben. Wir haben nur ein paar LED-Funzeln eingepackt. Naja, wenn uns die Leute nicht mehr sehen, müssen wir halt aufhörn zu spielen. So spät solls ja auch nicht werden. Bis auf das geht diesmal alles richtig glatt. Sonst war immer irgendwas kaputt oder hat geklemmt in Ilmenau. Das einzige Neue und klemmende – der F probiert erstmalig seine Fernsteuerung aus. Also Folgendes: Bei so kleinen Muggen buchen wir nicht extra einen Techniker dazu, sondern mischen uns selber von der Bühne aus ab. Das hat den Nachteil, daß nicht eine Person VOR der Bühne steht und das hört, was ihr hört, sondern daß wir grob schätzen müssen und den Klang nach dem einstellen, was wir auf der Bühne hören. Das unterscheidet sich sehr von dem was ihr unten hört. Man spart aber eine Person ein, die man sonst bezahlen müsste. Wir sparen die ein. Also der Veranstalter spart dann an uns. Also ihr spart am Veranstalter. Das würde sonst bedeuten, daß entweder die Eintrittspreise steigen, oder wir nicht vor so kleinem Publikum spielen könnten. Weil uns das aber Spaß macht, improvisieren wir lieber oft. Oft lieber. Nun hat der F gebastelt – neues Digital-Mischpult und Fernsteuerung über ein iPad über WLAN. Er kann also mit einem iPad vor der Bühne stehen – fern des tatsächlichen Mischpultes, und auf der grafischen Benutzeroberfläche die Regler des Mischpultes bedienen, welches auf der Bühne steht. Er kann also nun gleichzeitig vor der Bühne hören UND regeln. Obwohl da gar kein Mischpult ist. Revolutionär.

Für alle Außenstehenden sieht das eher so aus – am Mischpult auf der Bühne rutschen irgendwelche Regler hoch und runter wie von Geisterhand, und der F steht vor der Bühne und schreibt die ganze Zeit SMS.

Ich Ochse hab natürlich gleich das Hosenmaterial vom Vortag nochmal für die Bühne eingeplant. Nicht bedenkend die Auftrittszeit am Nachmittag. Bei 35°C schält es sich ganz schwer in eine dicke fette Lederhose. Der F ist da auch unerbittlich. In meiner Wohlfühl-Schlumperhose darf ich nicht auf die Bühne. Wenigstens die Schuhe erlässt er mir. Aber die Pertinax-Platten der Bühne sind so heiß von der Sonne, daß ich barfuss nur quiekend herumhopse und dann doch lieber Schuhe anziehe. Ich bin also schon wieder in einer Sauna wie gestern, diesmal in einer kleinen für eine Person.

Wir planen einen dreigeteilten Set, mit kurzen Versaufpausen für das Publikum und Würstchen- und Pinkel-Lücken für uns. Wir wollen jeder ein Würstchen essen und dann pinkeln, nicht aus unseren Würstchen pinkeln oder sowas. Ich muss immer sehr aufpassen, um hier nicht irgendwelche Kommentare einzufangen. Also alles klappt prima. Der Biergarten ist gut gefüllt, unsere Anlage macht guten Ton zum bösen Spiel, und hinterher erfahren wir, daß das so ziemlich die einzige Veranstaltung der Serie mit brauchbarem Wetter bisher ist. Wegen der gewünschten Spiellänge machen wir drei große Runden und spielen sämtliche Songs, die Robin bisher gelernt hat. Reichlich 40. Viele davon fühlen sich richtig gut an. Für mich z.B. Night Prowler. Und meine Lieblingslieder Thunderstruck und Walk All Over You laufen mit Robin sowieso rein wie kaltgepresstes Olivenöl.

Weil Jochen Moneytalks nicht mit in die Setlist getan hat, vergesse ich vollkommen, die Geldscheine über die Leute zu schmeißen. Was für ein Glück für die Gastronomen, die die nachher sonst immer alle beim Saubermachen wieder vom Parkplatz auflesen müssen. Und ich packe die Dinger unverrichteterdinge wieder in ihre Tullamore-Dew-Schachtel.

Ein Ilmenauer Parkplatz in der Sommernachts-Abenddämmerung und Straßenlaternen-Natriumdampflampen-Licht kann auch was Romantisches haben. When the crowds are gone. Wir sind froh, der Veranstalter Ronny scheint auch froh und will uns für Dezember gleich wieder buchen (nicht aufm Parkplatz, sondern drinnen), die Zeitung schreibt hinterher was Nettes (das war ein Kommentar eines Zeitreisenden der die Zeitung von nächster Woche schon gelesen hat), das Publikum ist froh, nach Hause gegangen sein zu dürfen, alles schön.

Unsere Angst vorm qualmenden und stinkenden Transporter vom Zwischenhalt bei der Anreise begründet sich zum Glück nicht. Ein T4 ist ein T4 ist ein T4. Und bringt Dich heim. Und weil Robin eine Plaudertasche ist, gestaltet sich die Heimreise sehr unstill und kurzweilig. In dieser Stimmung und Verfassung erlebt man als Musikant die jahrhundertealte Wehmut. Man möchte morgen weiterziehn in die nächste Stadt. Man ist ja grad so schön drin. Man möchte dort aufbaun, Gitarren einstöpseln, und die Leute bezirzen. (Es ist umstritten, wie genau Circe oder Kirke ihre Arbeit in der Rechtschreibung korrekt behandelt. Aber ihr wisst was ich meine, wenn ihr es leise vor euch hinsprecht.) Aber wir können nicht morgen zur nächsten Mugge, wie es die fahrenden Spielleute früher gemacht haben. Wir MÜSSEN zwischendurch duschen (Scherz beiseite). Morgen ist Montag. Wir im Moment aktuell zwar noch fahrenden Spielleute werden gleich in Tröbnitz einparken, und den ganzen kompletten scheiß Transporter abladen müssen, sämtliche Technik und Boxen im Lager verstauen, den dann geleerten Transporter zum Getränkehandel fahren und abstellen, dann nach Hause laufen, ins Bett plumpsen und in wenigen Stunden unserer Normaltags-Arbeit nachgehen. Aber man darf ja mal träumen – die Gedanken sind frei …